Villa Prym

 

 

Großbürgerliches Anwesen an der Seestraße – die Villa Prym

Noch bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigt sich das Seeufer der Weiler Seehausen, Neuhausen und Hinterhausen weitgehend frei von Bebauung. Einige Landgüter des städtischen Patriziats, Rebhäuser und Torkeln sind die typischen baulichen Elemente einer sonst von Obst- und Weingärten, Wald- und Wiesenflächen geprägten ländlichen Beschaulichkeit.

Danach greift die städtische Bebauung mehr und mehr auf den rechtsrheinischen Bodanrück über. Zwischen der Landstraße nach Allmannsdorf und dem Seeufer entsteht in den kommenden Jahrzehnten ein durchgrüntes Villenquartier – künftig Wohnort des gehobenen Bürgertums als Teil des neuen Stadtteils Petershausen. Das Seeufer wird über die 1868/69 angelegte Seestraße befestigt. Am östlichen Ende dieser repräsentativ gestalteten Promenade errichtet das Konstanzer Architekturbüro Jung & Martin für den Privatier Gustav Hammer in den Jahren 1876/77 eine ebenso repräsentative Villa. Mit ihren ca. 1,3 ha einnehmenden Freiflächen, unterschieden in einen großen, die Villa rahmenden Ziergarten und einen rückwärtigen Nutzgarten mit Ökonomie, steht diese Villa ganz in der Tradition der älteren Landgüter.

1897 wird das Anwesen von Gustav Prym erworben und in den nächsten Jahren derart umfassend modernisiert, dass die Villa bis heute völlig zurecht den Namen dieses früheren Eigentümers trägt. Nach dem Tode des aus dem Rheinland zugewanderten Pensionärs 1917 bleibt das Anwesen in Familienbesitz, bis es 1955 von der Stadt erworben wird.

Als städtisches Mietobjekt dient es seither unterschiedlichen Nutzern. So war in den Obergeschossen bis 2012 das Institut für Kommunikationsdesign der HTWG untergebracht, das Parterre wird bis heute vom Konstanzer Yacht-Club genutzt. 1993 wurden die am nordöstlichen Grundstückrand gelegenen Nebengebäude eigentumsrechtlich abgetrennt und privatisiert.

Neorenaissance und Jugendstil – 
zur Architektur der Villa Prym

Architektur und Ausstattung der Villa Prym sind von einem Nebeneinander aus Neorenaissance und Jugendstil geprägt. Trotz mehrfacher Überformungen ist der ursprüngliche Kernbau noch klar erkennbar.

Die Villa Prym ist ein dreigeschossiger, verputzter Massivbau auf quadratischer Grundfläche mit flach geneigtem Walmdach. In den Obergeschossen wird die südöstliche Eckpartie ausgespart, um eine eingeschossige Loggia aufzunehmen. Trotz des dadurch belebten Umrisses wirkt der Baukörper ausgesprochen blockartig, das Walmdach tritt äußerlich kaum in Erscheinung. Die Villa steht hierin noch klar in der Tradition des Klassizismus. In der Differenzierung der Obergeschosse und in den dekorativen Fensterrahmungen zeigt sich der Ursprungsbau indes bereits von den Formen der italienischen Renaissance beeinflusst, stellt also insgesamt ein Zeugnis der Neorenaissance dar. Das 1. Obergeschoss ist über seine Stockwerkshöhe und seine übergiebelten Fenster, aber auch über die großzügig geöffnete Loggia klar als Hauptgeschoss, als sog. Beletage ausgebildet. Das Erdgeschoss übernimmt über die Rustizierung des Putzes (dadurch entstehen aufgeputzte Scheinquader) die Funktion des Sockels.

Das Innere ist konventionell organisiert. Ein von der Rückseite zugängliches, exakt in die rückwärtige Raumtiefe eingebundenes Treppenhaus erschließt die einzelnen Geschosse. Mittig platzierte Längsflure erschließen die einzelnen Räume. Im Erdgeschoss befinden sich die Nebenräume, im 1. Obergeschoss die Salons, Schlafzimmer und das Bad, im 2. Obergeschoss vorwiegend Gästezimmer. Das Treppenhaus und der Flur der Beletage werden mit Dekorationsmalereien im Stil der Neorenaissance flächig-ornamental gegliedert, ebenso die Decken der Salons. Ansonsten erhalten die Wohnräume heute nicht mehr vorhandene Papiertapeten.

Gustav Prym führt als neuer Eigentümer wiederholt Modernisierungen und dabei Anpassungen an den Zeitgeschmack durch. Noch im Jahr des Erwerbs (1897) lässt er die Fassaden malerisch überarbeiten und mit manieristischen Schmuckformen versehen. Neubarocke Gauben belichten nun das Dach. Auch die gegenüber dem Urzustand nachweisbaren Änderungen in der Loggia – die dekorative Neufassung ihrer Wände und der Türdurchbruch zu den Salons – scheinen unmittelbar auf den Eigentümerwechsel zurückzugehen.

Erfolgen diese Veränderungen sämtlich noch im Geist des Historismus, in welchem die Villa ja auch erbaut ist, so bricht sich bei den nachfolgenden Überformungen eine neue künstlerische Auffassung Bahn. 1908 ersetzt der bekannte Konstanzer Architekt August Knäble die seeseitigen Gauben durch einen antikisierenden Schaugiebel, und der Karlsruher Kunstmaler August Groh überzieht sämtliche zum See orientierten Fassadenflächen mit szenisch-monumentalen Wandmalereien. In ihrer flächig über die Fassadenstruktur ausgreifenden Bildanlage als auch im individuell auf den Hauseigentümer abgestimmten Bildprogramm zeigt sich sehr deutlich der Einfluss des Jugendstils. Dargestellt ist die Jagdszene aus der Hubertus-Legende, in welche die Bekehrung des Hubertus von Lüttich im Zeichen des von einem Kreuz bekrönten Hirsches eingebettet ist. Hubertus von Lüttich verweist als Patron der Kürschner und Metallbearbeiter auf die Profession des Stifters. Der Metallindustrielle und Kurzwarenfabrikant Gustav Prym kommt als Erfinder des Druckknopfes zu beträchtlichem Wohlstand. Dass das berittene Paar der Jagdgesellschaft die Züge einer der Töchter und des Schwiegersohns trägt, unterstreicht noch die biographische Ausrichtung des Fassadenschmucks.

1912 wird der bislang kaum auffällige, zum Ursprungsbestand zählende Treibhausvorbau der Westseite zu einem zweigeschossigen Standerker aufgestockt. Offensichtlich zeitgleich erfährt die Innenausstattung nochmals eine gründliche Überformung. Die kassettierten Stuckdecken der Salons, der Eingangsbogen zur Beletage und die Heizkörperverkleidungen übernehmen jedenfalls die Motive der hölzernen Erkerauskleidung. Für den Flur ist zudem eine zeitgleiche Neuausmalung, nun überwiegend einfarbig mit nur noch zurückhaltendem Dekor, nachweisbar.

Der seeseitige Balkonanbau stellt eine maßgebliche Veränderung aus jüngerer Zeit dar und entsteht vor 1958.

Wesentlicher Bestandteil der Villa Prym ist der umgebende Freibereich. Der Ziergarten, welcher die Villa zur Seeseite rahmte, ist in seiner ursprünglichen Gestaltung heute kaum mehr nachvollziehbar, der einstige, sich rückwärtig anschließende Gemüsegarten seit 1991 überbaut. Vorhanden sind aber noch die den Nutzgarten nach Osten zur Hebelstraße begrenzenden Nebengebäude: die Ökonomie, als Fachwerkbau zeitgleich mit der Villa erstellt und um 1900/1910 zum Wohnhaus aufgestockt, sowie das Gärtner- und Kutscherhaus. Letzteres ist ein von August Knäble 1905/06 in Jugendstilformen errichtetes Wohnhaus mit malerischer Dachlandschaft. Und auch ein recht unauffälliger, 1897 gezimmerter und später versetzter Holzschopf hinter der ehemaligen Ökonomie ist bis heute Bestandteil des denkmalgeschützten Ensembles.

Freilegung historischer Schichten – 
die jüngste Sanierung

Nach Auszug der HTWG erfuhren die Obergeschosse der Villa Prym in den vergangenen Monaten eine umfassende Sanierung. Neben der haustechnischen Modernisierung für die neuen Mieter – einer Anwaltskanzlei – stand der behutsame Umgang mit der historisch gewachsenen Substanz im Mittelpunkt der Maßnahmen.

Die Innenräume waren zuletzt geprägt von neutralen Raufasertapeten. Einige Fehlstellen deuteten bereits die teils darunter verborgen liegenden historischen Malschichten an. Eingehende restauratorische Untersuchungen klärten schließlich den Umfang an erhaltenen Fassungen und ermittelten eine zeitliche Reihenfolge. Der jeweilige Erhaltungszustand und natürlich auch die Grenzen des Budgets führten zu unterschiedlichen Lösungen: Im komplett mit Dekorationsmalereien ausstaffierten Treppenhaus blieb die jüngste Tapete schlicht als den Bestand konservierende Trennschicht erhalten. Auch im Flur der Beletage haben sich große Teile der originalen Malschicht unter der Tapete erhalten. Darauf liegen Reste der Fassung von 1912. Einzelne Befundfenster dokumentieren diese zeitliche Abfolge und verdeutlichen die stilistischen Veränderungen (üppige Putti, Kartuschen und Blattranken von ca. 1877, einfacher geometrischer Wandfries von 1912).

In der Loggia erlaubten die Rahmenbedingungen die Freilegung der komplett ausgemalten Westwand. Mit der raumgreifenden Dekorationsmalerei konnte eine weitgehend erhaltene Raumfassung mutmaßlich aus der ersten Renovierungsphase von 1897 freigelegt werden, ohne wertvolle jüngere Fassungen zu zerstören. Die freigelegte Malerei wurde weitgehend konservierend behandelt. Retuschen (Ergänzungen der Malschicht) beschränken sich auf die zuvor erfolgten Reparaturen des Wandputzes. Die historische Malschicht wurde lediglich gereinigt und blieb so unverfälscht erhalten. Darunter verdeckt befindet sich die Originalausmalung von ca. 1877.

Die freigelegte Schauwand wird komplettiert durch die ebenso freigelegte originale Maserierung des Türrahmens und den angepassten Neuanstrich der wohl 1912 umgearbeiteten Flügeltüre zum Salon. In Verbindung mit der Restaurierung der teils noch originalen Fenster, dem Herrichten der Holzböden und des übrigen Holz- und Stuckwerks konnten die verschiedenen Zeitschichten der Ausstattung bewahrt bleiben.

 

Frank Mienhart (zum Tag des offenen Denkmals Sept. 2013)